> Schwerpunkte > Psychosomatische Erkrankungen > Funktionelle gastrointestinale Störungen (FGIS)

Funktionelle gastrointestinale Störungen (FGIS) z.B. Reizdarm, Reizmagen

Magen- und Darmbeschwerden stellen häufige körperliche Symptome dar, die oft mit einem erheblichen Leidensdruck einhergehen.
15-30% der Bevölkerung sind davon betroffen. Frauen doppelt so häufig als Männer.
Eine Reizdarmsymptomatik führt oft zu schweren Beeinträchtigungen der sozialen und beruflichen Funktionsfähigkeit, da die Angst vor Durchfall die gesamte innere Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt.

Beschwerdebilder bei Reizdarm (RDS)

  • Wiederkehrende Bauchschmerzen bzw. Unbehagen
    (seit mindestens 6 Monaten und an mindestens 3 Tagen/ Monat in den letzten 3 Monaten)
  • kombiniert mit mindestens 2 der folgenden Merkmale
    • Besserung nach dem Stuhlgang
    • Beginn der Beschwerden wird assoziiert mit einer Änderung der Stuhlfrequenz
    • Beginn wird assoziiert mit einer Änderung der Stuhlkonsistenz

Begleitsymptome

  • Abnormale Stuhlfrequenz (weniger als 3x/Woche, bzw. mehr als 3x/Tag)
  • Abnormale Stuhlkonsistenz
  • Schleimabgang
  • Völlegefühl, Blähungen

Das Reizdarmsyndrom kann vorwiegend eher mit Verstopfung, oder eher mit Durchfall, bzw. mit beiden Beschwerden einhergehen.

Beschwerdebilder bei Reizmagen (funktioneller Dyspepsie)

  • Dauerhafte oder wiederkehrende Schmerzen/Brennen bzw. Beschwerden im Oberbauch
  • Völlegefühl bzw. frühes Sättigungsgefühl nach der Mahlzeit
  • Übelkeit und Erbrechen
  • Kein Hinweis auf eine organische Erkrankung

Ursachen

Das enterale Nervensystem ist ein komplexes Geflecht aus Nervenzellen, das nahezu den gesamten Verdauungstrakt durchzieht. Es spielt bei der Kontrolle der Verdauungsvorgänge eine wesentliche Rolle. Es funktioniert wie ein Gehirn im Darm und kommuniziert mit dem zentralen Nervensystem (Hirn-Darm-Achse). Diesbezügliche Erkenntnisse lassen vermuten, dass neben biologischen Prozessen auch die psychische Situation einen wesentlichen Einfluss auf Entstehung und Aufrechterhaltung der Magen-Darm-Beschwerden ausübt.

PatientInnen mit funktionellen gastrointestinalen Störungen spüren ihre normale Verdauung als Schmerz. Sie reagieren mit einem gesteigerten Schmerzempfinden auf die Dehnungsreize im Darm.

Diese Überempfindlichkeit kann durch verschiedene Faktoren verursacht werden. Neben Infektionen des Magen-Darm-Trakts, Nahrungsmittelunverträglichkeiten, spielen auch psychische Ursachen eine Rolle. Stress und belastende Lebensereignisse haben einen direkten Einfluss auf das Verdauungssystem. Mittels funktionellem Magnetresonanz-Imaging (=bildgebendes Verfahren) von Hirnfunktionen konnten Nachweise für die enge Verbindung zwischen Gehirn und dem Verdauungstrakt unter Stress erbracht werden.

Die Mehrzahl der Betroffenen leiden auch an psychischen Erkrankungen, wie Depressionen, Angst- und somatoforme (= körperliche Symptome ohne ausreichende organische Ursachen) Störungen.

Wodurch können Symptome ausgelöst werden?

Nahrungsmittel sind häufig Auslöser von Symptomen

  • Milch (-zucker)
  • Kaffee (Coffein)
  • fettreiche Nahrung
  • Alkohol
  • zuckerfreier Kaugummi (Sorbitol)
  • gasproduzierende Mahlzeiten (Müsli, Hülsenfrüchte, Zwiebel, etc.)
  • hastige Nahrungsaufnahme und Essen unter psychisch belastenden Umständen (Zeitdruck oder bei gleichzeitiger Problembesprechungen usw.)

Behandlungsmöglichkeiten

Viele Betroffene haben bereits eine Odyssee an verschiedenen Behandlungen hinter sich, die häufig wenig Verbesserung der Symptomatik brachten. Dementsprechend können auch Folgesymptome wie bspw. depressive Verstimmungen oder Angstzustände (Angst vor einer Tumorerkrankung) auftreten.

Eine Krankheitsbehandlung, die all den Erkenntnissen über die Zusammenhänge gerecht werden will, muss dementsprechend weit gefasst sein. Das heißt, dass  körperliche und psychosoziale Faktoren gleichermaßen in der Behandlung berücksichtigt werden.

Somit ist die Kombination von medikamentöser Behandlung der körperlichen Symptome einerseits, und Psychotherapie, um die psychosozialen Leiden der betroffenen Personen zu mildern, andererseits, die wirkungsvollste Methode.

Nach Univ. Prof. Dr. Gabriele Moser sollte die Therapie - abgestuft nach Schweregrad - folgendermaßen erfolgen:

  • Medizinische Abklärung (Anamnese) und Ausschluss anderer Erkrankungen
  • Aufklärung über Symptome und mögliche Ursachen sowie auslösende Wirkung verschiedener Faktoren (Nahrungsmittel, Hormonveränderung beim Menstruationszyklus, Stress etc.)
  • Führen eines Symptomtagebuchs über 4 Wochen: Herausfiltern von auslösenden oder verstärkenden Reizen, Aufzeichnung der Symptomstärke (mit Schweregraduierung von 1-10), hinzukommende Faktoren (Ernährung, körperliche Aktivität, belastende Situation, Stress, etc.), Emotionen (traurig, ängstlich, wütend,...) und Gedanken („bin zuversichtlich/hoffnungslos“, „halte das nicht mehr aus“ etc.)
    Dies ist zumeist der erste Schritt, Kontrolle über die körperlichen Beschwerden zu erlangen, da von den Betroffenen Zusammenhänge erkannt werden können.
  • Symptomorientierte Medikation durch die Gabe von Antidepressiva
    Gerade bei chronischen und kaum beeinflussbaren Schmerzen haben Antidepressiva gute Erfolge erzielt. Diese werden nicht primär wegen der antidepressiven Wirkung verabreicht, sondern um das Schmerzempfinden zu vermindern. Über Nebenwirkungen müssen die Patienten aufgeklärt werden, da die eigentliche Wirkung erst ab der 3. Behandlungswoche einsetzt.
  • Psychotherapie/Hypnose
    Psychotherapie zählt zu den wirkungsvollsten Behandlungsmethoden, vor allem bei jenen, denen bisher nicht anders geholfen werden konnte.
    Dies konnte auch wissenschaftlich nachgewiesen werden. In den meisten Studien wurde Psychotherapie mit „herkömmlichen“ Methoden (=medikamentöser Behandlung) verglichen und zeigte sich meist deutlich wirksamer. 
    Vor allem die Hypnosetherapie zählt mittlerweile beim Reizdarmsyndrom zu den Standardtherapien.